
Bundesleistungsprophet Friedhelm Magerz fordert mehr Arbeit für alle – Professor von Stein nickt mit letzter Kraft zustimmend
Neue Analyse zeigt: Wer noch weiß, welcher Wochentag ist, hat offenbar nicht genug geleistet.
Berlin/Innenohr des Professors – In einer bemerkenswert fahrigen Stellungnahme hat der wirtschaftspolitische Debattenakrobat Friedhelm Magerz die Bevölkerung erneut dafür kritisiert, „zu weich, zu krank und insgesamt viel zu organisch“ zu sein. Während landesweit über Arbeitsbelastung, Krankheitsausfälle und psychische Erschöpfung diskutiert wird, stellte Magerz bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz klar, dass Krankheitstage „praktisch ein verlängerter Kururlaub mit Verwaltungscharakter“ seien.
Unterstützung erhielt er dabei von Prof. Dr. Alfredo von Stein, der während des gesamten Termins in einem Zustand zwischen Halbwachheit, Koffeinübersättigung und akademischem Kontrollverlust verharrte. Beobachter berichteten, der Professor habe ohne erkennbare Pause an einer übergroßen Kaffeetasse genippt und mehrfach auf Gegenstände gezeigt, die für andere Anwesende keinerlei Gesprächsabsichten erkennen ließen.
Der Auftritt dauerte rund 43 Minuten, wovon 31 Minuten aus Kaffeetrinken, 8 Minuten aus bedeutungsvollem Atmen und 4 Minuten aus plötzlichen Unterbrechungen bestanden, in denen der Professor hektisch in den Raum starrte und fragte:
„Wer hat das gesagt?“
Anwesende Journalisten bestätigten später, dass zu diesem Zeitpunkt niemand gesprochen hatte. Eine Wanduhr tickte allerdings auffällig laut.
Der Professor selbst sah darin einen klaren Beleg für die zunehmende Einmischung „leistungsschwacher akustischer Kräfte“.
„Man hört heute viel zu oft Ausreden“, begann von Stein, bevor er unvermittelt zur Seite blickte und zischte: „Nein, nicht du. Ich rede gerade. Halt den Mund.“ Danach nahm er einen langen Schluck Kaffee, verengte die Augen und fuhr fort: „Wie gesagt: Die Menschen arbeiten zu wenig. Früher hat man sich mit Fieber ins Büro geschleppt, dort zwei Formulare falsch ausgefüllt, drei Nervenzusammenbrüche ignoriert und am Ende des Tages wenigstens noch Haltung bewiesen.“
Nach Einschätzung mehrerer Beobachter befand sich der Professor während der gesamten Veranstaltung in einem Zustand fortgeschrittener Überarbeitung. Sein linker Mundwinkel zuckte dauerhaft, ein Auge arbeitete nur noch im Energiesparmodus, und mindestens zweimal versuchte er, seine eigene Kaffeetasse zu siezen.
Trotzdem ließ er an seiner Haltung keinen Zweifel.
„Ich selbst“, erklärte er und nippte erneut, „leide seit Monaten unter chronischem Schlafmangel, emotionaler Ausdünnung, innerem Flimmern, gelegentlichen Wahrnehmungsverschiebungen und dem Verdacht, dass mein Drucker mich beobachtet. Und trotzdem bin ich hier. Arbeiten kann man also sehr wohl noch, selbst wenn man nicht mehr mit letzter Sicherheit sagen kann, ob das Summen aus der Lampe, aus der Wand oder aus dem eigenen Schädel kommt.“
An diesem Punkt unterbrach sich der Professor erneut, blickte unter den Tisch und flüsterte: „Das Rascheln ist wieder da.“
Die Pressekonferenz wurde kurz pausiert, nachdem der Wissenschaftler drei Minuten lang mit sich selbst darüber diskutiert hatte, ob das Geräusch „eher aus Richtung Fenster oder aus Richtung Mittwoch“ gekommen sei.
Nach einer weiteren Tasse Kaffee – es war die neunte seit Beginn der Veranstaltung – stabilisierte sich der Professor für wenige Augenblicke genug, um seine arbeitsmarktpolitische Analyse zu vertiefen.
„Es ist doch ganz einfach“, sagte er mit jener glasigen Entschlossenheit, die man sonst nur bei übermüdeten Fernfahrern und sehr alten Faxgeräten findet. „Wenn ich trotz Burnout, Nervenzittern, Schlafentzug und wiederkehrender Diskussionen mit nicht näher identifizierten Zimmerbereichen noch Leistung erbringen kann, dann kann die Bevölkerung das wohl auch. Dieses ständige Kranksein wirkt auf mich inzwischen wie eine Entscheidung.“
Kurz darauf deutete er mit dem Kaffeelöffel auf einen Garderobenständer und rief: „Aha! Jetzt tut er wieder so, als wäre er ein Mantel.“ Niemand reagierte. Offenbar war man derartige Zwischenfälle bereits gewohnt.
Der politische Gastredner Magerz nickte währenddessen mehrfach ernst und sprach von einer „Kultur der Erschöpfungsbequemlichkeit“, was in Fachkreisen als ungewöhnlich ambitionierte Wortschöpfung für einen Dienstagvormittag bewertet wurde.
Besonders begeistert zeigte sich der Professor von der Idee, die tägliche Begrenzung der Arbeitszeit zu schleifen und stattdessen eine Wochenhöchstgrenze von bis zu 48 Stunden als neue Normalität zu behandeln.
„Endlich“, murmelte er mit glasigem Blick in Richtung Kaffeemaschine, „ein Modell für Menschen, die ihre Erschöpfung nicht mehr in kleinlichen Tagesabschnitten, sondern in industriell verwertbaren Wochenblöcken organisieren wollen. Acht Stunden am Tag sind doch nur ein Behördentraum für Leute mit funktionierendem Nervensystem.“
Auch mit Teilzeit ging der Professor hart ins Gericht. Das moderne Phänomen der Lifestyle-Teilzeit sei für ihn der endgültige Beweis, dass viele Menschen Arbeit fälschlicherweise noch immer als Belastung statt als identitätsstiftende Dauerprüfung verstünden.
„Früher“, sagte er und starrte kurz auf einen Garderobenständer, „hat man sich höchstens halb bewusst, aber vollständig ausgelaugt durchs Leben geschoben. Heute will plötzlich jeder Zeit für Regeneration, Familie oder geistige Stabilität. Wo soll das noch hinführen?“
Dann hielt er inne, runzelte die Stirn und fragte in den Raum: „Moment. Wer hat da gerade ‘geistige Stabilität’ gesagt?“
Wieder hatte niemand gesprochen.
Ein anwesender Redakteur beschrieb die Szene später als „eine Mischung aus Wirtschaftsdebatte, Koffeinvergiftung und spiritistischer Selbstbelästigung“.
Der Professor selbst wies jede Kritik entschieden zurück. Burnout sei, so seine These, „nur das Betriebsgeräusch einer engagierten Persönlichkeit“. Schlafmangel wiederum sei „im Kern auch nur eine aggressive Form von Wachheit“. Wer darin ein gesundheitliches Problem sehe, habe womöglich „den Leistungswillen nie wirklich geliebt“.
Im weiteren Verlauf referierte er noch knapp zwölf Minuten lang über die „moralische Verwahrlosung des Mittagsschlafs“, die „Dekadenz der Regeneration“ und die Frage, warum Menschen mit Migräne „nicht einfach kurz auf still schalten“ könnten. Dann stoppte er abrupt, starrte auf die Kaffeemaschine in der Ecke und flüsterte:
„Sie hat wieder angefangen.“
Was genau begonnen hatte, blieb unklar. Der Professor nickte jedoch mehrmals ernst, als würde ihm die Maschine gerade eine wirtschaftspolitische Analyse durchgeben.
Zum Ende der Veranstaltung fasste Prof. Dr. Alfredo von Stein seine Position noch einmal zusammen, während er gleichzeitig versuchte, mit seinem Spiegelbild keine Eskalation zu provozieren:
„Ja, ich unterstütze diese Meinung. Die Menschen sind zu weich. Zu langsam. Zu krank. Zu müde. Zu sehr darauf bedacht, als biologische Wesen behandelt zu werden. Man muss auch einfach mal funktionieren. Nicht jeder Gedanke braucht Stabilität. Nicht jede Wahrnehmung braucht eine Quelle. Nicht jedes Geräusch braucht eine Existenzberechtigung. Und nicht jeder, der mit sich selbst diskutiert, hat automatisch frei zu bekommen.“
Dann nahm er noch einen Schluck Kaffee, zeigte auf die Zimmerdecke und sagte mit belegter Stimme:
„Da. Schon wieder. Hören Sie das?
Dieses leise Geräusch der kollektiven Leistungsschwäche.“
Die Pressekonferenz wurde daraufhin beendet.
Der Professor blieb noch sitzen.
Er nippte weiter.
Dann bat er den Aschenbecher, endlich still zu sein.
Hinweis: Dieser Artikel könnte Spuren von Satire enthalten.
